



Dieter Spehr ist 72 Jahre alt und gelernter Werbefachmann. 45 Jahre lang war er in der Werbung tätig, davon ca. 25 Jahre als Mitinhaber einer Creativagentur und später als Geschäftsführer großer Werbeagenturen. Heute ist er Rentner, aber noch aktiv als Lehrbeauftragter der Universität Tübingen für den Master-Studiengang "Medienwissenschaft/Medienpraxis".
Servicestelle Jugend: Aus welchen Gründen halten Sie es für wichtig, dass Schulen sich Gesellschaft und Wirtschaft öffnen?
Dieter Spehr: Schulische und berufliche Ausbildung greifen immer stärker ineinander, vor allem in den Jahren vor dem Schulabschluss. Die Entscheidung, welcher Beruf aufgrund der eigenen Begabungen in Frage kommt, beschäftigt Schüler, Eltern und Lehrer wesentlich stärker, als es der schulische Alltag wahrnimmt. Lehrpläne sind ausschließlich auf schulische Inhalte abgestimmt mit der Folge, dass die Schüler nach Schulabschluss keine wirkliche Vorstellung von beruflichen Anforderungen haben. Hier kann das Jugendbegleiter-Programm wertvolle Hilfestellung geben, vorausgesetzt, dass die begleitenden Praktiker tatsächlich die Chance haben, über einen längeren Zeitraum (ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr) den Schülern einen Beruf nahe zu bringen.
SJ: An welcher Schule machen Sie ein Angebot und wie setzt sich Ihre Gruppe zusammen?
Dieter Spehr: Ich gebe einen Kurs "Marketingkommunikation/Werbung" an der Schickhardt-Realschule. Der Kurs wird Schülern der 10. Klasse angeboten. Im Schuljahr 07/08 beteiligten sich im Kern acht bis zehn Schüler (16 bis 17 Jahre), etwa hälftig Mädchen und Jungen. Aufgrund der Schülerstruktur der Schickardt-Realschule haben die meisten einen Migrationshintergrund (Türken, Kroaten, Serben, aber auch Tunesier, Italiener u.a.).
SJ: Wie sieht Ihr Angebot inhaltlich aus?
Dieter Spehr: Die Schüler sollen erfahren und lernen, was Werbung ist, welchen Stellenwert sie im Wirtschaftsgeschehen hat, welche Berufe in diesem Umfeld angeboten werden, wie Werbung funktioniert und wie sie gemacht wird - das alles im lebendigen Dialog. Deshalb sind die Inhalte modular aufgebaut bis hin zu Praxisübungen, z.B. der Erarbeitung einer Werbekampagne. Unterstützt werde ich in Teilbereichen von Praktikern, z.B. Grafikdesignern und Textern. Zum Abschluss eines Kurses besuchen wir eine Werbeagentur, um im Gespräch mit Profis die Realität dieses Berufes kennen zu lernen.
SJ: Wie kam der Kontakt zwischen Ihnen und der Schule zu stande?
Dieter Spehr: Ich hatte meine Bereitschaft, einen solchen Kurs an einer Schule anzubieten, der IHK gemeldet. Aus dem Angebot der IHK hat der Schulleiter der Schickardt-Realschule sich für diesen Kurs entschieden und Mitte letzten Jahres Kontakt zu mir aufgenommen. In mehreren Gesprächen haben wir dann die Durchführung besprochen und den Kurs im Schuljahr 07/08 gestartet.
SJ: Worin liegt der besondere Erfolg Ihres Angebots für Sie als Projektleiter und für die Schülerinnen und Schüler?
Dieter Spehr: Werbung ist ein sehr vielseitiges Berufsfeld - von der Gestaltung über die Planung bis zur Ausführung. Grafiker, Texter, Marketingfachleute bis zum Produktioner (Drucker, Mediengestalter) kommen sowohl auf der Auftraggeberseite (Unternehmen) als auch auf der Werbeagenturseite zum Einsatz. Dazu kommen Dienstleister wie Filmfirmen, Fotografen, Marktforscher, aber auch Eventspezialisten und die gesamte Bandbreite der Internetspezialisten. Die Berufsaussichten sind gut bis sehr gut, so dass sich eine nähere Beschäftigung für alle diejenigen lohnt, die Spaß und Interesse an einem lebendigen, zukunftsträchtigen Berufsfeld haben. Das hat sich auch am Interesse der Schüler gezeigt, wobei die wenigsten wussten, welch eine enorme Bandbreite dieser Wirtschaftszweig anbietet. Ich glaube und hoffe, dass ich einige begabte Schüler für Werbeberufe interessieren konnte.
SJ: Was raten Sie außerschulischen Partnern im Jugendbegleiter-Programm?
Dieter Spehr: Die freiwillige Teilnahme an den Kursen bedeutet auch für den Kursleiter, die Inhalte spannend und interessant aufzubereiten, da sonst das Interesse nachlässt und die Schüler nicht mehr mit machen. Wenig Frontalunterricht, möglichst viel praktische Übungen sind unerlässlich, zumal die Schüler es in schulischen AGs gelernt haben, sich zu beteiligen und einzubringen. Die Inhalte sollten klar gegliedert und verständlich aufbereitet sein, das Ziel einer möglichst umfassenden Information sollte immer im Vordergrund stehen. Unabdingbare Voraussetzung für den Kursleiter ist Verständnis und Empathie für die Schüler, die dann die mangelnde pädagogische Erfahrung akzeptieren und von sich aus Gruppendisziplin üben. Erfahrung mit eigenen Kindern und deren schulischem Verhalten sind dabei sicher von Vorteil.
SJ: Vielen Dank für das Gespräch!
Kerstin Scholz